Hirohito - Machtinhaber oder Marionette?

1. Einleitung
Der Angriff auf Pearl Harbor und der Pazifische Krieg stellen in der Geschichte Japans wichtige und einschneidende Ereignisse dar, die unzählige Opfer forderten und grausame Kriegstreiber hervorbrachten. Der Oberbefehl lag dabei immer beim Kaiser.
Die folgende Arbeit soll, soweit möglich, Einblicke gewähren und Aufschluss darüber geben, inwiefern bzw. wie tief jener Kaiser in die einzelnen Geschehnisse verwickelt war, die das Land und seine Geschichte so prägten. Denn trotz Kaiserkult und Verschlossenheit gegenüber der eigenen Vergangenheit wurden unter den Japanern, besonders aber im Ausland, immer wieder Stimmen laut, die die Frage der Verantwortlichkeit des Kaisers aufwarfen – war Hirohito, einstiger Shôwa-Tennô, Machtinhaber oder Marionette?
Zur Beleuchtung dieses Sachverhaltes soll zunächst u.a. auf Grundlage der alten Meiji-Verfassung auf die Aufgaben und Befugnisse des Kaisers näher eingegangen werden, bevor es zur Auseinandersetzung mit der eigentlichen Fragestellung kommt. Der Umgang der Japaner mit der eigenen Geschichte als wichtiger Bestandteil des Ganzen wird abschließend zur Sprache kommen, jedoch mehr oder weniger nur oberflächlich behandelt, da diese Thematik ihre eigene Komplexität besitzt und hier eher eine untergeordnete Rolle spielen wird.

2. Aufgaben und Befugnisse des Kaisers
Der erste große Schritt in der Modernisierung Japans innerhalb des 19. Jahrhunderts war die ‚Restauration’ der kaiserlichen Herrschaft. Seit anderthalb Jahrhunderten wuchs das Interesse an und auch der Respekt vor der Institution Kaiser. So zeigte der Slogan „ ehrt den Kaiser und vertreibt die Barbaren“ -entwickelt von den Gruppierungen, die einst Tokugawa stürzten- dass die Kontrolle über den Kaiser eine der stärksten Waffen darstellte.

Die ‚Restauration’ brachte den Kaiser zurück ins Zentrum der politischen Arena. Alles wurde in seinem Namen getan, doch kam es für die eigentlichen Führer nie in Frage, dass er auch tatsächlich herrschen sollte. Tausende Jahre an regierenden, aber nicht herrschenden Kaisern zuvor zeigte, wie wenig dieses Konzept noch wegzudenken war. So schaffte es die japanische Führung angeblich bis zum Ende des 2. WK, die Bereitschaft, ihm Entscheidungen unabhängig von eigenen Wünschen aufzuzwingen, mit einer gleichzeitig extremen Verehrung des Kaisers zu kombinieren. ( Reischauer 1977: 244 )
Doch wie war es wirklich in Japan zur Zeit Hirohitos, unter dem es nicht nur zum Pazifischen Krieg kam? Im Falle des Shôwa – Tennô war es zumindest immer Hirohito, der den Oberbefehl inne hatte – und das nicht nur nominell. Der Krieg war kodô, der Weg des Kaisers, wobei sich jedoch die Frage stellt, in welchem Maße dem Kaiser die tatsächliche Verantwortung zuzuschreiben ist. War er Kriegstreiber, Kriegsverbrecher oder einfach nur ein Werkzeug in den Händen von Militärs, die sich Macht aneignen wollten? ( Kirchmann 1989: 79 )
Tatsache ist, dass der Kaiser, gebunden an Traditionen, bereits im Alter von 12 Jahren Kronprinz und damit automatisch zum jüngsten Offizier der Armee und der Marine wurde. Als zukünftiger Oberbefehlshaber der Nation musste er sich seit frühester Kindheit mit seinen militärischen Pflichten befassen. Zudem war er aufgrund seines beinahe masochistischen Bedürfnisses, sich selbst zu beweisen, alles andere als ungebildet, was immerhin bestätigt, dass Fähigkeiten und Verständnis in Sachen Kriegsführung bei ihm durchaus gegeben waren. ( Bergamini 1971: 301, 306 )
Die seltsame duale Haltung gegenüber dem Kaiser sah sich selbst bereits in der Verfassung von 1889 verkörpert, welche ihn „heilig und unantastbar“ nannte und so die Kontinuität der kaiserlichen Linie betonte. Souveränität und alle Macht der Regierung wurden dem Kaiser zwar zugewiesen, jedoch zu Konditionen, die sicherten, dass andere die tatsächlichen Entscheidungen trafen. Seine Macht schien unbegrenzt, da er laut Verfassung die Organisation der verschiedenen Regierungsbereiche festlegte sowie den Oberbefehl über die Armee und die Marine besaß. Er konnte Krieg erklären sowie Frieden und Verträge schließen. Gleichzeitig allerdings besagte sie, dass der Kaiser die Legislative im Konsens mit der kaiserlichen Diet ausübt, seine Billigung zu Gesetzen gibt und nur befiehlt, sie zu verkünden und auszuführen. Zudem bedurften alle Gesetze und kaiserlichen Anordnungen der Unterschrift eines Staatsministers, während die Judikative von den Gerichtshöfen im Sinne des Gesetzes auszuführen war. ( Reischauer 1977: 245 )
Nach Reischauer führte die Zweideutigkeit in Betrachtung der kaiserlichen Macht jedoch zu keinen Missverständnissen, da keiner der 3 neuzeitlichen Kaiser wirklich bestrebt war, den eigenen Willen gegen die Entscheidungen seiner Minister durchzusetzen. Von Hirohito sei wohl bekannt, so Reischauer, dass er sich in seinen frühen Jahren über die Handlungen seiner Minister ärgerte und versuchte, nochmalige Überlegungen der Schritte zu erreichen, die zum Krieg geführt hatten. Angeblich jedoch war die einzige politische Entscheidung, die er selbst traf, das Ultimatum zur Kapitulation durch die Alliierten zu akzeptieren, als ihn seine Minister im August 1945 nach einer unentschiedenen Abstimmung damit konfrontierten. ( Reischauer 1977: 246 )
Grundlegend wurde vom Kaiserpalast, auch nach dem 2. WK, die Ansicht vertreten, dass sich Hirohito strikt nach Protokoll zu verhalten und Abstand zu den Entscheidungsprozessen zu halten hatte. Letztendlich klärte die Nachkriegsverfassung von 1947, eine adaptierte Version der alten Meiji-Verfassung, in gewisser Weise auch dieses Problem. Hier wurde der Kaiser nun definiert als „ das Symbol des Staates und der Einheit des Volkes mit diesem als Souverän, durch dessen Willen er seine Position erhält “ .

Seine Funktionen wurden als rein symbolisch beschrieben und es war ausdrücklich gesagt, dass er keinerlei Macht über die Regierung besitzt. Zur Verdeutlichung dessen, wurde darüber hinaus hinzugefügt, dass für sämtliche Handlungen des Kaisers in Staatsangelegenheiten der Ratschlag bzw. die Billigung des Kabinetts erforderlich ist und dieses dafür die Verantwortung trägt.

( Reischauer 1977: 247 )

3. Mitwirkung oder Zurückhaltung?
Abgesehen von den in der Meiji-Verfassung festgelegten Befugnissen des tennô sollte dennoch betrachtet werden, inwiefern er sich dementsprechend verhielt als es um die Entscheidungsfindung in politischen und militärischen Angelegenheiten ging. Das japanische Volk zumindest ging davon aus, dass der Kaiser ein absoluter Monarch war und nahm natürlich an, dass Hirohito den Oberbefehl hatte – besonders seit die Entscheidungen der Regierung als seine persönlichen präsentiert wurden, sobald sie mit dem kaiserlichen Willen ratifiziert waren. Niemand wusste, dass es in seiner Funktion als konstitutioneller Monarch für die Prozedur der nationalen Politik erforderlich war, Situationen zu vermeiden, in denen er gezwungen war, selbst Entscheidungen zu treffen. ( Large 1992: 102 )
Für Wetzler scheint es absurd aufgrund der Verfassung, welche den Kaiser auch als lebenden Gott darstellte, gegen seine Verantwortung bezüglich der Aggressionen in China und im Pazifik zu argumentieren. Befürworter Hirohitos betonen jedoch seine Funktion als konstitutionellen Monarchen und rechtfertigen ihren Standpunkt mit der Ansicht, dass der Kaiser in der Praxis doch recht wenig über die Pläne oder Operationen der Armee und Marine wusste. Zudem sei er in keiner Position gewesen, sich deren Vorschlägen zu widersetzen. Als konstitutionelle Figur war es seine Aufgabe, alles abzusegnen, was ihm vorgelegt wurde. Keiner erwartete sein Einverständnis oder seine Ablehnung als politischer Herrscher bezüglich politischer Linien, um an den Entscheidungen des Staates teilzuhaben. ( Wetzler 1998: 12 )
Der Kaiser selbst beschrieb kurz nach der Kapitulation Japans seine Situation in der Vorkriegszeit als durch die Verfassung eingeschränkt. Er sah den Krieg als unvermeidlich an, erklärte jedoch, dass er alles getan hätte was in seiner Macht stand, um Feindseligkeiten zu vermeiden. Letztendlich endete der Krieg, weil er es war, der ihn stoppte – so der Kaiser – wodurch allerdings eine neue Debatte entstand, warum der Krieg nicht schon abgewendet wurde bevor er begann. Viel wichtiger jedoch ist sein Bezug auf die, durch die Verfassung festgelegte Verantwortung für Staatsangelegenheiten durch die Minister sowie die Aufzählung der ihm auferlegten Restriktionen. Auf diese Weise mutet sein Monolog beinahe wie ein Freispruch von eigener Verantwortung an. Hirohito scheint sich zudem selbst zu verteidigen, denn obwohl er seiner Aussage nach in seiner ‚Macht’ sehr eingegrenzt war, schöpfte er alle Möglichkeiten aus und brachte am Ende sogar den Krieg zum Stillstand. ( Wetzler 1998: 13-4, vgl. Anhang: i )

3.1. Einflussnahme des tennô
Zur näheren Betrachtung des Einflusses Hirohitos bezüglich der Gegebenheiten und Umstände, die zum Krieg geführt haben, ist es erforderlich, einen gewissen Einblick in den Verlauf der Vorkriegszeit zu bekommen. Natürlich ist die Thematik zu umfangreich, als dass sie als Ganzes abgehandelt werden könnte, weswegen hier hauptsächlich einige unmittelbar vor dem Krieg aufgetretene Ereignisse zur Sprache kommen werden.
Large ( 1992: 102-3 ) stellt Hirohito in seiner politischen Biografie als eher besorgten und auf friedliches Vorgehen bedachten Kaiser dar, der versucht, durch eigenes Einbringen Einsicht zu gewinnen und der Diplomatie die höhere Priorität bzw. eine Chance zu sichern. Er erscheint hier beinahe ängstlich, mit der Absicht, das Provozieren vermeidbarer Konflikte zu verhindern und nicht unbedingt als Oberbefehlshaber einer ganzen Nation. Wie eine Art Berater nimmt er am Geschehen teil, ohne dass der Eindruck entsteht, er hätte wirklich Einfluss. Als Beispiel dafür lassen sich u.a. die Ereignisse im Januar 1941 anführen, als die damalige Regierung unter Premierminister Konoe Fumimato der Anfrage Thailands zustimmte, in den beständigen Disputen zwischen Thailand und Französisch – Indochina zu vermitteln. Ziel dabei war es, Japans Hand in dieser Region zu stärken, mit der Absicht, den eventuellen Abschluss eines militärischen Paktes mit Thailand und die Stationierung japanischer Truppen sowohl in Süd- als auch in Nord-Indochina zu erleichtern. Der Kaiser war nicht generell gegen die Vermittlungspolitik der Regierung. Jedoch bat er am 22. Januar darum, komplett über diplomatische Initiativen bezüglich des Thai-Indochina-Grenzproblems informiert zu werden. Zudem erfragte er die Möglichkeit der Geheimhaltung eventueller militärischer Abkommen mit Thailand, um nicht die westlichen Mächte zu alarmieren. In folgenden Diskussionen machte der Kaiser darüber hinaus deutlich, dass er besorgt war und Japans südliches Vordringen exklusiv auf Diplomatie begrenzt werden sollte. Aus Angst vor einem Krieg mit den Westmächten in Südostasien verlangte er von den Stabschefs eine Erklärung, die bestätigt, dass sie für dieses Vorgehen eine sorgfältigere Planung vorweisen könnten als es beim ‚China-Vorfall’ der Fall war. Auch stellte er detaillierte Fragen, um herauszufinden welche Marine- und Flughafenstützpunkte für das Festland Südostasiens vorgesehen waren und kritisierte zudem den Opportunismus des Militärs: „ …, Ich bin nicht damit einverstanden, wie ein Dieb während eines Feuers zu handeln…“. Dennoch wusste er, dass „ falsche Gutmütigkeit beim Umgang mit den großen Veränderungen in der Welt nicht weise wäre. Deshalb befürworte ich diese Politik. Aber wir müssen sehr taktvoll in ihrer Anwendung sein.“ ( vgl. Large 1992: 103 )
In der Annahme nur so könnten die Japaner in Südostasien aufgehalten werden, erlegten die USA Japan bald Sanktionen und ein Öl-Embargo auf, was der Kaiser mit wachsender Beunruhigung verfolgte. Large zeichnet weiterhin das Bild eines fast verschreckten ‚Herrschers’ und beschreibt, dass dieser es für unmöglich hielt, in Indochina mit Gewalt vorzugehen. Gleichzeitig hinterfragte er die Kapazitäten Japans dazu, da es immernoch durch den Krieg in China belastet war. Laut Large war Hirohito in einer Verfassung, in der er Angst hatte im Hinblick auf die Beziehungen zwischen Japan und den USA. Dies nahm zu, nachdem ihm der Stabschef der Marine, Nagano Osami, versichert hatte, die amerikanischen Sanktionen würden bedeuten Japan müsse sich früher als später für den Krieg entscheiden, da sonst seine materielle Stärke schwinden und eine Kapitulation unausweichlich werden würde. Für den Kaiser schien ein Krieg gegen die Vereinigten Staaten hoffnungslos und nach einem weiteren Gespräch mit Nagano zeigte er einen erhöhten Grad an Resignation. Er sah eine Entscheidung der Regierung für den Krieg als immer wahrscheinlicher an, auch wenn es noch nicht gänzlich sicher war ( Large 1992: 106-7 ) – eine Beschreibung des Kaisers, die unterstreicht, dass nicht er das Ausschlag gebende Wort hatte, sondern die Regierung und ihre Minister.
Im Gegensatz zu Large vertritt Bix die These, dass Hirohito durch Mittelsmänner einen hohen Grad an Kontrolle über das Militär ausübte und sogar Haupttriebskraft hinter den Ereignissen des Krieges gewesen sein könnte. Seinen Ausführungen zufolge entschied sich der Kaiser für den Krieg mit Großbritannien und den USA, da er sich mit einer militärischen Strangulation durch das Öl-Embargo und dem Zulassen einer Niederlage in China konfrontiert sah. Hinzu kamen der Verlust eines großen Teils seines Reiches und die mögliche Destabilisierung der Monarchie, die er geerbt hatte. Nachdem er seine Wahl getroffen hatte, widmete er sich vollständig der Leitung des Vorsitzes über den Krieg sowie dessen Führung zum Sieg. Laut Bix nahm er eine höchst anspruchsvolle und absolut wesentliche Rolle ein.

( Bix 2000: 439 )
Wetzler weist zumindest daraufhin, dass alle modernen Kaiser, einschließlich Hirohito, systematisch über die Pläne der kaiserlichen Armee und Marine informiert wurden. Nachdem er sich mit den 1936er Plänen militärischer Operationen einverstanden zeigte, wurden sowohl die Befehlshaber der Armee als auch der Marine darüber in Kenntnis gesetzt, dass der Kaiser in Zukunft mehr Zeit für die Besprechung der Pläne wünsche: „In accord with the emperors preferences, should the presentation to the throne not be immediately approved on that day, the chief of staff should retire taking his plan with him. On another day approval should be requested, and in the meantime if there are any questions the chief of staff should come to court and answer them“ . Mit dem Herbst 1936 beginnend, berichtete der Oberbefehlshaber der Armee dem Kaiser nun direkt, was ohne Zweifel Hirohitos wachsende Sorge über die Aktivitäten seines Militärs zeigte. Trotzdem war dies wohl nicht das einzige, was den Kaiser in diesem Zusammenhang beschäftigte, denn der Ton und die Beschreibungen der Pläne für 1936 können ihm unmöglich den Eindruck vermittelt haben, es ginge darin um reine Verteidigungsmaßnahmen.

( Wetzler 1998: 20-1 )
Wetzler bezieht sich darüber hinaus auf nach dem 2. WK entdeckte Dokumente. Sie beinhalteten die jährliche Operationspläne, Papiere über die nationale Verteidigungspolitik, taktische Beschreibungen und mehr. Die frühesten Aufzeichnungen darunter waren die Pläne von 1936, die Letzten Pläne von 1941. Er erklärt, dass während des Pazifik-Krieges keine jährlichen Operationsprogramme entworfen wurden, was jedoch nicht bedeute, dass im Laufe des Krieges keine Pläne gemacht wurden, oder dass der Kaiser nicht darüber informiert gewesen ist. So gab Hirohito am 5. November 1941 sein Einverständnis zum ‚Kaiserlichen Operationsplan für den Krieg gegen Amerika, Großbritannien und die Niederlande’, stimmte am 16. April 1942 der ‚zweiten Operationsstufe für den Ostasiatischen Krieg’ und am 25. März 1943 der ‚dritten Operationsstufe für den Ostasiatischen Krieg’ zu. Die jährlichen Pläne, die den Krieg überlebt haben, illustrieren demnach die kriegsbezogenen Informationen, die dem Kaiser zur Verfügung gestellt wurden und damit den Charakter seiner Teilnahme aufgrund seines Einverständnisses. ( Wetzler 1998: 18-0 )
Traditionellen Ansichten entsprechend und im Gegensatz zu den bereits dargelegten Theorien beschäftigt sich Large u.a. ausführlich mit dem erwähnten Wunsch des Kaisers, die Diplomatie an allererste Stelle zu setzen. Als am 4. September 1941 das japanische Kabinett zusammentrat, um die vom kaiserlichen Generalhauptquartier vorbereiteten Kriegspläne zu erörtern, wurde eine am Vortag getroffene Vereinbarung zwischen Armee und Marine gut geheißen. Sie beinhaltete das Ultimatum einer Kriegsentscheidung, sollte sich in den letzten 10 Tagen des Oktobers keine Aussicht auf Erfolg in den Verhandlungsgesprächen in Washington einstellen. Der Kaiser wurde am 5. September von Premier Konnoe über diese Entwicklungen informiert und erklärte es wäre falsch, der Diplomatie einen Stichtag aufzuerlegen, da er die Ansicht vertrat Krieg sollte keinen Vorrang vor Verhandlungen haben. Konnoe hingegen versicherte ihm, es würde nur zum Krieg kommen, wenn die Diplomatie scheitern sollte. Trotzdem – so Large – vermutete Hirohito, dass das Militär die Priorität der Kriegsvorbereitungen allem voran stellte, weswegen er verlauten ließ, er wolle bei der kaiserlichen Konferenz am folgenden Tag die Stabschefs der Armee und Marine direkt befragen. Tatsächlich brach der Kaiser während der Konferenz sein konventionelles Schweigen und verlas ein Gedicht des Meiji-Kaisers. Seiner Erklärung nach war dies seine ‚Warnung’, der Diplomatie den Vorrang vor dem Krieg zu gewähren. Large sieht dies jedoch kaum als kraftvolle kaiserliche Warnung, da das Lesen eines Gedichtes für ihn die Tendenz des Kaisers zeigte, seine Überzeugungen durch indirekte Gesten zu untertreiben; wobei er einräumt, dass ein energischeres Eingreifen in diesem Stadium wohl nur einen geringen Unterschied gemacht hätte.

( Large 1977: 108-9 )
Völlig konträr zu Large beschreibt Bergamini die Haltung des Kaisers als dominant und führend. Nach seinen Ausführungen änderte Hirohito nie seine Meinung über seine Entscheidung vom September 1940, selbst kurz vor einem Krieg mit den Vereinigten Staaten gegen den Süden vorzugehen. Jedoch musste er in den 12 Monaten vor Pearl Harbor konstantem Druck durch sein Umfeld widerstehen, da jene Personen immer noch auf eine Gnadenfrist hofften. Nur Lord Kido und Kriegsminister Tôjô standen mit ganzem Herzen hinter ihm und weigerten sich, den kaiserlichen Willen in Frage zu stellen. Umgeben von raffinierten Gegnern gelang es dem Kaiser so trotzdem, einen geheimen Kriegsplan zu fördern und zu koordinieren, der die Welt überraschte. Er erforderte hunderttausende Männer und Millionen Tonnen an wertvollem Staatseigentum, doch weder Hirohitos ausländische noch innere Gegner erkannten dessen Effektivität an bis er bereits auf einem guten Weg zum Erfolg war. Um diese erstaunliche Leistung zu realisieren, machte der Kaiser freien Gebrauch vom Verstand seiner Armee- und Marineoffiziere, die es als Einzige in Japan noch wagten, sich offen und ehrlich gegen den Krieg zu äußern. Bergamini erweckt hier den Eindruck, Hirohito wäre mit der konkreten Absicht, Krieg zu führen, beinahe eine Minderheit, die sich gegen Widerspruch von allen Seiten durchsetzen musste, jedoch trotzdem soviel Macht innehatte, dass er seinen Plan in die Tat umsetzen konnte. Es scheint als hätte er über allem und jedem gestanden und sich überall dort seiner ‚Untergebenen’ bedient, wo es ihm gerade nützlich war. ( Bergamini 1971: 772-3 )

4. Umgang mit der Kriegsschuld – eine Kaiserfrage
Im Zusammenhang mit der Frage der Verantwortlichkeit des Kaisers ist es interessant und bestimmt nicht unwichtig zu betrachten, wie in Japan mit dieser Thematik umgegangen wird. Schwentker ( 1997: 149-54 ) z.B. beschreibt dies recht anschaulich. Er erklärt, dass die Anerkennung und die Aufarbeitung der historischen Schuld Japans am Ausbruch und Verlauf des Krieges in Ostasien an sich nur schleppend verlaufen. Das Thema der Mitverantwortung Hirohitos fand so auch erst größere Resonanz in Japan und der internationalen Öffentlichkeit, als der Bürgermeister von Nagasaki wenige Wochen vor dem Tod des Kaisers 1989 seine Auffassung äußerte, dieser trage Mitschuld an den Geschehnissen. Nur etwas später überlebte er schwer verletzt einen rechtsradikalen Anschlag. Aber auch die Veröffentlichung neuer Dokumente nach Hirohitos Ableben heizte die Debatte an, u.a. durch die vom Magazin ‚Bungei Shunjû’ veröffentlichten Erinnerungen des Kaisers, die er 1946 diktiert hatte. Darin übernahm er weder für den Ausbruch noch für den Verlauf des Krieges die direkte Verantwortung und verteidigte seine Rolle als konstitutioneller Monarch, der zwar über wichtige militärische Entscheidungen im Bilde war, diese jedoch nicht initiiert oder entscheidend beeinflusst habe.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit ergab sich diese Diskussion aus den Überlegungen von Seiten der Siegermächte, da es Unklarheiten darüber gab, ob der Kaiser vor ein Kriegstribunal gebracht und das Kaisertum für Japan überhaupt erhalten werden sollte. Ausschlag gebend war in diesem Zusammenhang, dass sich der Oberkommandierende der alliierten Streitkräfte in Japan, General Douglas MacArthur, für den Fortbestand des Kaisertums aussprach. Nach einer persönlichen Unterredung mit Hirohito widersprach er sogar der öffentlichen Meinung in den Siegerstaaten, diesen vors Kriegsgericht zu bringen. Die Stabilisierung der sozialen und politischen Ordnung mit Hilfe eines Teils der alten Gewalten war ihm wichtiger als die Absetzung des Kaisers, was die Lage in Japan seiner Ansicht nach unkalkulierbar gemacht hätte. In den Folgemonaten schlossen sich zahlreiche japanische Politiker dieser Meinung an, da sie im tennô den Garanten für Ordnung und innere Sicherheit sahen. Auch in der Bevölkerung fand die Fortsetzung der kaiserlichen Herrschaft eine breite Zustimmung. Der Kaiser selbst allerdings – so Schwentker – schien zeitweilig eine Abdankung in Erwägung gezogen zu haben, ließ sich wohl aber von engen Beratern und amerikanischen Besatzern davon überzeugen, dass sein Verbleiben an der Spitze dem Wiederaufbau des Landes zuträglich war.

( Schwentker 1997: 152-53 )

5. Fazit
Die betrachteten Meinungen der verschiedenen Autoren zeigen einen großen Gegensatz – einerseits wird der Kaiser als friedliebender Charakter dargestellt, der alles in seiner Macht stehende ( so gering es auch gewesen sein mag ) darangesetzt hat, den bevorstehenden Krieg mit den USA und andere Konflikte gewaltvoller Natur zu vermeiden; andererseits gibt es das Bild eines kriegstreibenden Herrschers, der alle unter sich vereinte und an der Spitze der Kriegsmaschinerie beinahe mit Begeisterung, aber zumindest mit Faszination zum Kampf aufrief. Bergamini, Historiker und Journalist, beispielsweise belastet Hirohito als einen, wenn auch nicht den Urheber des Krieges, wofür es mit Bix und Wetzler durchaus Verteidiger gibt. Reischauer dagegen entlastet den Kaiser in gewisser Weise, auf Grundlage der ihm durch die Verfassung angelegten ‚Ketten’.
Ungeachtet dessen jedoch, ist es wohl eher sinnvoll, beide Ansichten in nicht ganz so überspitzter Weise in Betracht zu ziehen. Es ist klar, dass der Kaiser auf jeden Fall in die Ereignisse verwickelt gewesen sein muss, in welcher Art und Weise sei zunächst dahingestellt. Tatsache ist, dass es mittlerweile zahlreiche Dokumente und Werke gibt, die persönliche Aufzeichnungen direkt involvierter Personen des kaiserlichen Stabes beinhalten und zumindest Annahmen widerlegen, Hirohito hätte kaum Einsicht in oder Informationen über militärische Taktiken und Planungen gehabt. Sicher ist jedoch auch, dass viele beweislastige Dokumente und Papiere – ob be- oder entlastend – wohl allein schon durch den Krieg vernichtet wurden, ganz zu schweigen von denen, die möglicherweise bereits früher mit Absicht beseitigt worden sind.
Auf alle Fälle ist davon auszugehen, dass es sich hier um eine Frage handelt, die weiterhin ohne wirklichen Konsens von Zeit zu Zeit für Diskussionen sorgen wird. Allein der verstorbene Kaiser und seine engsten Vertrauten wären wohl imstande, eine konkrete Auflösung des ‚Rätsels’ zu liefern, doch es ist fragwürdig, ob eine ‚negative Wahrheit’ in Japan überhaupt anerkannt werden würde.

1. Monolog Hirohitos ( Wetzler 1998: 13-4 )
It goes without saying that the war was unavoidable. Concerning the war, we attempted somehow to avoid it. I thought until totally exhausted; played every hand that was to be played.
Even though I did everything in my power ( to avoid hostilities ), in the end my efforts were to no avail, and we plunged into war. This was indeed regrettable. With respect to this conflict, as I mentioned recently in a general way, the war came to an end because I stopped it. Because I did this a debate has arisen about why the war was not stopped before it began. Indeed, this argument seems logical. It sounds reasonable in some ways. However, this could not be done.
Needless to say, our country has a constitution. Strictly speaking the emperor must act in accord with the provisions of the constitution. According to the constitution, responsibility for state affairs is borne by the ministers of state who are vested with due authority.
The emperor is not allowed to willfully meddle, interfere, or intervene in the areas of responsibility of the ministers of state specified in the constitution.
Therefore, with respect to internal affairs and foreign relations, there are persons designated by the constitution who are charged with carefully deliberating and formulating policy. If they do this, present the policy in accord with the regulations, and request that it be approved ( saika ), wether I am satisfied with it or not there is no way around agreeing and approving it.
2. Quellenverzeichnis
Bergamini, David: Japan’s Imperial Conspiracy, William Morrow & Company,

Inc., USA 1971
Bix, Herbert P.: Hirohito And The Making Of War, Harper Collins Publishers,

USA 2000
Kirchmann, Hans: Hirohito – Japans letzter Kaiser, Wilhelm Heyne Verlag

GmbH & Co. KG, München 1989
Large, Stephen S.: Emperor Hirohito And Shôwa Japan, Routledge, London

1992
Reischauer, Edwin O.: The Japanese, Harvard University Press, Cambridge,

Massachusetts 1977
Schwentker, Wolfgang: Täter oder Opfer? Schuldfrage, atomarer Schrecken

und nationale Identität in Japan 1945-1995 in: Afflerbach, Holger/ Cornelißen, Christoph: Sieger und Besiegte – Materielle und ideelle Neuorientierungen nach 1945, Francke Verlag Tübingen und Basel, Tübingen 1997

Wetzler, Peter: Hirohito And War – Imperial Tradition and Military Decision

Making in Prewar Japan, University of Hawai’i Press, Honolulu 1998

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